Die Klang- und Mustermedizin der Shipibo-Conibo im Amazonastiefland von Peru


Beschreibung der psycho-physischen Wirkungen der Icaro-Gesänge aus Sicht der Ayahuasqueros und ihrer Klienten

Eine Feldforschungs-Studie in Ost-Peru


Leitung und Durchführung
Sabine Rittner, Wiss. Mitarbeiterin, Musikpsychotherapeutin

Projektzeitraum
2004 – 2006

Datenerhebungszeitraum
Juli – Oktober 2005

1. Forschungsgegenstand
Die Shipibo-Conibo-Shetebo sind ein indigene Volksgruppe der Ureinwohner Ost-Perus (Selva-Gebiet), die in mehreren Dörfern im Amazonastiefland am Oberlauf des Ucayalli, einem Quellfluß des Amazonas, angesiedelt sind. Sie beherrschen die außergewöhnliche „Kunst der geometrischen Muster“, die in vielfältiger Weise künstlerisch dargestellt werden: als Körperbemalung, als Stickerei auf Kleidung, auf Keramiken. Anhand der visionären Linienstrukturen im Energiefeld eines Menschen können die Heiler und Heilerinnen der Shipibo während des nächtlichen Heilrituals unter dem durch Ayahuasca veränderten Bewusstseinszustand den Gesundheitszustand des Klienten/der Klientin diagnostizieren.

Das mächtigste Heilmittel des Ayahuasqueros zur Steuerung und Modellierung des veränderten Bewusstseinszustandes und zur therapeutischen Beeinflussung des Gesundheitszustandes seiner Klienten sind seine Gesänge, die „Icaros“ und „Mariris“. Diese Gesänge dienen als Schutz, als Begleiter und „Führer durch das Labyrinth“ der Halluzinationen. Mit ihnen können beim Klienten gezielt Visionen erzeugt und diese gesteuert und moduliert werden.

Diese Icaros sind leise gesungene, wiederkehrende, sprachfreie, melodische Gesänge. Mariris hingegen sind Gesänge mit festgelegten Texten. Beide Arten von Gesängen werden traditionell entweder vom Lehrmeister persönlich an den Schüler weitergegeben oder aber, dies noch häufiger, während der mehrjährigen Lehrzeit in der Isolation des Regenwaldes erlernt. Die Heiler betonen, dass sie ihre Kenntnisse direkt von den Geistern („madres“) der meist halluzinogen wirksamen Pflanzen vermittelt bekommen (Meisterpflanzen oder „doctores“).

Die traditionelle, heute in Stadtnähe z.T. ergänzend zur westlichen Medizin angewandte Erfahrungsheilkunde der Tieflandindianer Perus, basiert im Wesentlichen auf der Kenntnis der Wirksamkeit endogener Pflanzen. Träger dieses Wissens sind kräuterheilkundige Curanderos, Vegetalistas oder Ayahuasqueros (Männer und in geringerer Zahl auch Frauen). Zur Anwendung kommen in der Behandlung neben dem nächtlichen Gruppen-Heilritual u.a. innere Reinigungen („purga“), Dampfbäder, Waschungen, Klistiere, Einreibungen, Massagen, Tees, Diäten und Kräuterverschreibungen. Im allgemeinen nimmt im Heilritual der Ayahuasquero als auch seine Assistenten Ayahuasca ein, die Patienten und ihre ggf. anwesenden Angehörigen trinken bei der untersuchten Ethnie traditionell kein Ayahuasca während des nächtlichen Heilrituals.


Ayahuasca (auch genannt „Santo Daime“, „Yage“ oder „Natem“) ist eine halluzinogene Substanz, die aus der Liane Banisteriopsis caapi und je nach Zielsetzung des Rituals aus verschiedenen pflanzlichen Zusatzstoffen („chakruna“) durch Einkochung extrahiert wird. Dabei unterscheidet man Zusätze, „die reisen lassen“, die „sehen lassen“, die „heilen lehren“ etc. Bei den Shipibo kennt man vier Arten: „wahren Ayahuasca“, „camaramti“, „chahua“ und „masha“ (Andritzky, 1999). Pharmakologisch besteht Ayahuasca aus den Alkaloiden Harmin, Harmalin und Tetrahydroharmin in Verbindung mit DMT (Dimethyltryptamin).

Es existiert umfangreiche wissenschaftliche Fachliteratur über den in verschiedenen Regionen und Bevölkerungsgruppen des Amazonastieflandes recht unterschiedlichen rituellen Einsatz von Ayahuasca zu Heilzwecken, über die psychologische Wirkung, Pharmakologie, Mythologie und Geschichte des halluzinogenen Substanzgemischs (z.B. Schultes und Hofmann, 1992; Andritzky, 1999; Shanon, 2002). Auffallend dabei ist, dass die dabei verwendete Musik, speziell die Gesänge der Ayahuasqueros, zwar am Rande Erwähnung finden, dass sie jedoch bisher nur in wenigen Veröffentlichungsn im Fokus des wissenschaftlichen Interessen standen (Katz und Dopkin de Rios, 1971; Luna, 1984; Dopkin de Rios, 2003). „Even though the icaros are considered the main expression of the healer’s or „curandero’s“ power and have a central place in their healing practices (…), specific literature on them is scarce, particularly with respect to how the icaros heal.” (Bustos, 2004, S.1)



2. Zielsetzung
Das Ziel der Studie war eine qualitative, ethnopsychologische Wirkungsforschung zum klanginduzierten visionären Erleben von indigenen Heilern des peruanischen Amazonasgebietes und ihren Klienten. Es handelt sich um einen phänomenologischen Zugang zum Forschungsfeld, bei dem die subjektive Einschätzung der an den Heilungsritualen Beteiligten im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.

Die Studie sollte dazu beitragen, das Wissen um den gezielten Einsatz von Musik, hier speziell der menschlichen Stimme, zur Induktion und Modellierung von veränderten Wachbewusstseinszuständen weiter zu vertiefen und anhand der oral tradierten Erfahrung ostperuanischer Heiler und Heilerinnen zu fundieren. Die systematische Aufarbeitung dieses überlieferten Wissens kann einen transkulturellen Beitrag zum fokussierten therapeutischen Einsatz von Musik und Stimme im Kontext westeuropäischer Psychotherapie leisten.
Diese interdisziplinäre Forschungsarbeit war im Schnittfeld verschiedener Fachdisziplinen angesiedelt: Bewusstseinsforschung, Psychologie, Medizin, Musikwissenschaft, Ethnologie, Musiktherapie, Creative Arts.


3. Fragestellungen
→ Hauptfrage: Welche subjektive Wirkung wird den Icaros-Gesängen von den am Ayahuasca-Ritual Beteiligten zugeschrieben?

→ Weitere Fragen: Welche Bedeutung haben die visionären, geometrischen „energetischen Muster“ der Shipibo für den Veränderungsprozess des Klienten/der Klientin?

4. Methodische Überlegungen zur Studie
4.1. Stichprobe
Es wurden 10 Ayahuasqueros/-as (Indigenos der Shipibo und Mestizen), sowie 3 indigene und 3 westliche Klienten interviewt: N= 16.
Zusätzlich flossen die Eigenerfahrungen der Autorin aus der teilnehmenden Beobachtung in Form von Tagebuchaufzeichnungen, Gemälden und Tonaufnahmen in einen gesonderten Auswertungsteil mit ein.

4.2. Rekrutierung
Während eines mehrmonatigen Feldforschungsaufenthaltes der Autorin in Ost-Peru wurden in den Shipibo Dörfern Santa Clara, Nuevo Ceilan und Caimito Interviews durchgeführt. Die Bereitschaft der örtlichen Interviewpartner zur Mitarbeit war gewährleistet, da die Untersuchung in enger Zusammenarbeit mit zwei langjährig felderfahrenen Forscherinnen und Dolmetscherinnen stattfand.

4.3. Erhebungsmethode
Die Musik (Icaro-Gesänge) der mehrstündigen nächtlichen Heilrituale der Ayahuayqueros wurde klanglich vollständig aufgezeichnet. Eine Video-Dokumentation der Heilsitzungen war nicht möglich, da die Dunkelheit einen wesentlichen Wirkfaktor für das halluzinogen- und klanginduzierte visionäre Erleben darstellt. Künstliche Beleuchtung würde das traditionelle Setting unzulässig verändern.

Datenmaterial wurde aus halbstrukturierten Leitfaden-Interviews sowie aus den der teilnehmenden Beobachtung entsprungenen Feldforschungs-Tagebuchaufzeichnungen der Autorin gewonnen. Möglichst zeitnah nach dem Ayahuasca-Ritual, wenn möglich am nächsten Morgen, wurden Interviews sowohl mit den Shipibo-Schamanen als auch mit den indigenen Klienten geführt. Ebenso wurden anwesende Klienten aus dem westlichen Kulturkreis möglichst zeitnah nach der nächtlichen Sitzung befragt.

Während der Interviews wird der Bezug zu musikalischen Passagen aus dem vorangegannenen Ritual wiederhergestellt, indem die interviewte Person ausgewählte kurze Ausschnitte aus der nächtlichen Heilungszeremonie über Kopfhörer vorgespielt bekommt.
Die Interviews wurden digital aufgezeichnet, später transkribiert und wo erforderlich übersetzt (Shipibo – Spanisch – Deutsch).

4.4. Auswertungsmethode
Qualitative Inhaltsanalyse der halbstrukturierten Interviews sowie der Feldforschungs-Tagebücher aus der teilnehmenden Beobachtung der Autorin.


5. Zeitplan
Januar 2004 – Juni 2005: Planung, Recherchen und Vorbereitung der Studie
Juli – Oktober 2005: Feldforschungsaufenthalt in Ost-Peru
Oktober 2005 – Dezember 2005: Transkription und Übersetzung des Datenmaterials
Januar – Juli 2006: Auswertung
Ab August 2006: Publikationen


6. Finanzierung
Der für die Studie erforderliche Feldforschungsaufenthalt in Peru wurde aus persönlichen Mitteln der Autorin finanziert. Für Transkription und Übersetzung des Datenmaterials wurden Mittel der Abteilung für Medizinische Psychologie und des „Fördervereins Zukunftsmusik e.V. an der Abteilung für Medizinische Psychologie“ eingesetzt.


Projektbezogene Publikationen

Rittner, Sabine (2016)
The sound and pattern-medicine of the Shipibo in the Amazon lowlands of Peru – Ethnotherapeutical reflections on beneficial attitudes in Shamanism and in Music Therapy
Lecture at the 44. Nishi-Nippon Association of Art Therapy Conference “Folk Customs, Culture, Art and Music Therapy” Izumi Hospital, Okinawa 27th July 2015.
Published in Japanese and English in: Nishi-Nippon Bulletin of Art Therapy, No. 44, 2016, p. 7 – 37. Japan.

Rittner, Sabine (2015)
Shamanism and Community – Encounters with Sound Healing Experts in the Amazon Lowlands of Peru
In: Yoshihide Takaesu (Hg.): The Izumi Journal of Health Ecology. Vol. 30. Okinawa, Japan.

Rittner, Sabine (2012)
Rituale, Trance, Ekstase – Alte Wege zu neuer Verbundenheit.
In: Was uns verbindet – Energie und Empathie. Tagungsband 31.Goldegger Dialoge. Kulturverein Schloss Godlegg, Eigenverlag.

Rittner, Sabine (2008)
Sound – Trance – Healing. The sound and patternmedicine of the Shipibo in the Amazon lowlands of Peru
In: Cuyamungue Institute Newsletter, April 2008. New Mexico.

Rittner, Sabine (2008)
Klang-Trance-Heilung. Die Klang- und Mustermedizin der Shipibo im Amazonastiefland von Peru
In: W.Bossinger, R.Eckle (Hg.). Schwingung und Gesundheit. S.81-104. Battweiler: Traumzeit-Verlag.

Rittner, Sabine (2007)
Sound – Trance – Healing. The sound and pattern medicine of the Shipibo in the Amazon lowlands of Peru
In: Music Therapy Today (online 18th July). Internet Vol.VIII (2), page 196-235. University Witten/Herdecke, Chair for Qualitative Research in Medicine (Hg.). www.musictherapyworld.net
PDF Download

Rittner, Sabine (2006)
Klang – Trance – Heilung: Veränderte Bewußtseinszustände zwischen Schamanismus, Wissenschaft und Psychotherapie
Vortrag, erschienen als DVD im Kontext der Vortragsreihe „Schwingung und Gesundheit“, Hg. Wolfgang Bossinger. Göppingen.

Rittner, Sabine (2006)
Hilfe zur Selbsthilfe: Kleine Hilfen mit Atem, Stimme, Körper. Der Gesang der heilsamen Muster
In: H.-H. Decker-Voigt, R.Spintge (Hg.): Musik und Gesundsein, Halbjahreszeitung für Musik in Therapie, Medizin und Beratung. Ausgabe 11/2006, S.28. Lilienthal: Eres.