Interview mit Sabine Rittner über ihre therapeutische Haltung und Musiktherapie

Rittner, Sabine (2002). Nachgefragt. Interview zur Person.
Erschienen in: Musiktherapeutische Umschau Bd.23, 1. S.72-79.
Göttingen: Vandenhoeck&Rupprecht.


Ausbildung/theoretischer Hintergrund: Musikstudium, Musiktherapie-Zusatzstudium, Sonderschulpädagogik, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (Approbation), Gestalt-, Atem- und Körpertherapie, Tanztherapie, Ericksonsche Hypnotherapie, Systemische Therapie, Anthropologie, Rituelle Körperhaltungen und ekstatische Trance (F.Goodman), Transpersonale Psychologie.

Derzeitiges Arbeitsfeld: Universitätsklinik Heidelberg, Abt. für Medizinische Psychologie (Lehre, Psychotherapie, Musiktherapie-Forschung: Projekt “StimMusTher”); Supervision und Coaching in eigener Praxis; Vorträge, Seminare und Workshops.

Klientel: Psychosomatik, Onkologie, chron. Krankheiten, Frühtraumatisierungen, Stimmstörungen, allg. Lebenskrisen. 13 Jahre Musikpsychotherapie mit Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen, seit 1990 nur noch mit Erwachsenen. Außerdem: Musiktherapeuten, berufliche Interessenten, Studenten, Selbsterfahrungs-Gruppen, Aus- und Weiterbildungsgruppen.

Berufserfahrung in Jahren: 24


Was heißt „Hören“ für Sie?
Kontakt. Kontakt nach außen, Kontakt nach innen -hineinlauschend oder heraushörend-, in besonderen Augenblicken auch Kontakt zum Unhörbaren.

Ganzkörperlich horchend die Zwischentöne erspüren: Klangfarben – Farbklänge – Tonbewegung – Klangstruktur … multisensorisch, synästhetisch. In Trance ist jeder Mensch Synästhetiker.


In welcher Atmosphäre arbeiten Sie – was tun Sie dafür?
Während einer Therapiestunde oder eines Seminars „vergesse“ ich alles andere um mich herum. Ich tauche ein in die Tiefendimension des Augenblicks, die Begegnung, den momentanen Prozeß, den ich als Gestalt höre, spüre, sehe. Häufig gehe ich in einen tranceartigen Zustand focussierter Präsenz, einen Ort innerer Stille und Klarheit, an welchem Wissen, Erfahrung und Intuition miteinander verschmelzen …

Darüberhinaus sorge ich seit Anbeginn meiner Berufstätigkeit für eine große Vielfalt meiner Tätigkeitsbereiche, um der Routine vorzubeugen, immer wieder andere Saiten von mir anzuregen, nie festzufahren. Auch liebe ich neue Herausforderungen und Erfahrungen, die meine Bewußtseins-Grenzen erweitern.


Was wirkt wie in der Musiktherapie?
Die verschiedenen Parameter der Musik haben sehr unterschiedliche psychophysische Wirkfelder, auf die einzugehen diesen Rahmen natürlich sprengen würde. Speziell zum “Wirkfaktor Stimme” habe ich ja vieles bereits geschrieben. Was jedoch tatsächlich „wirkt“, d.h. hindurchschwingt, günstigstenfalls heilt, das sind nicht therapeutische “Techniken”, auch nicht Töne, Klänge, Rhythmen, Skalen oder Melodien per se. Diese wirken immer unter dem Einfluß der Biografie, des gesellschaftlichen und situativen Kontextes, von set und setting, in denen sie gehört, gespürt, erfahren werden können. Die Art und Weise ihrer Aufnahme und Verarbeitung ist Ausdruck einer Beziehung: zu mir selbst, zum anderen, zur Welt.

Die Musik, aber auch der Atem, die Stimme, die Bewegung, die achtsame Berührung, das Visualisieren, das Spürbewußtsein fungieren für mich als Mittler, als körpereigene Berater. Mit dem ihnen innewohnenden Selbstheilungspotential sind sie kompetente Begleiter beim Oszillieren zwischen Regression, Stagnation und Progression im therapeutischen Prozess. Daher bezeichne ich meinen methodischen Ansatz als “Körperorientierte Musikpsychotherapie”. Dies meint die Einbeziehung von verschiedensten Formen des direkten oder indirekten Körperkontaktes in Diagnostik und Therapie, d.h. von Körperwahrnehmung, Körperhaltung, Berührung, Bewegungsgestalt, Atemfocussierung, Stimmausdruck, “soundhealing” und veränderten Bewußtseinszuständen zusätzlich zur Interaktion mit Hilfe von Musikinstrumenten. Mein großes Anliegen ist die Schulung von Musiktherapeuten im theoretisch und methodisch fundierten Einsatz ihrer Stimme, ihres eigenen Körpers und dessen Grenzen sowie im Umgang mit Trancezuständen in der Musikpsychotherapie.

Was einzig und allein “heilt”, besser: festgefahrene Reaktions- und Erlebnisweisen wieder ins Fließen bringt, Veränderung stimuliert, ist -und da bin ich durchaus altmodisch- das Aufschließen vorhandener Ressourcen in der Neuerfahrung einer gelungenen, von Achtung und Liebe getragenen Beziehung. Die jeweilige Methode kann dabei immer nur das Vehikel sein.


Musik ermöglicht vieles in der Therapie; doch was verhindert sie?
Manchmal Klarheit, Konkretisierung, Alltagsübertragbarkeit, Struktur, rationales Verstehen. Menschen, die sich beispielsweise in einer chronischen „Problemtrance“ befinden, oder solche, die überlebt haben, indem sie zeitweise ihren Körper “verlassen” oder dissoziieren, brauchen zusätzlich zur Musik Faßbares, Sichtbares und immer wieder auch das Abstand-nehmen-können im reflektierenden Gespräch.


Was passiert in einer Musiktherapie-Stunde ohne Musik?
Verbale oder nonverbale Aufarbeitung und Vertiefung, Atem-, Stimm- und Körperarbeit, verschiedene Methoden zur themenfocussierten Induktion von Trancezuständen, systemische Strukturaufstellungen, Gestaltarbeit, Bewegung, Malen … Und Stille.
Musik aktiv oder rezeptiv -wobei ich in der Einzeltherapie ausschließlich selbst gespielte Musik einsetze- ist für mich eine von vielen Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung, absolut gleichberechtigt neben anderen sehr gezielt einsetzbaren Zugangswegen.


Wie regulieren Sie in der Improvisation die Impulse zwischen Innen und Außen?
Methodisch, und ich überprüfe sie, indem ich meinen Körper befrage. Er ist mein kompetentester Ratgeber. Ebenso reguliere ich meine Impulse intuitiv und überprüfe sie erst danach. All dies geschieht meist in Sekundenbruchteilen. Ich versuche, die Gestalt jeder Musiktherapiestunde –führend, indem ich folge- so zu beeinflussen, daß sie abgeschlossen, „rund“ ist und im Ernstfall auch für sich stehen kann.


Woher haben Sie in letzter Zeit wichtige Anregungen für Ihre Arbeit erhalten?
Aus dem unerschöpflichen Reichtum eigener intensiver Selbsterfahrung mit körperorientierten Therapieverfahren, pränataler Psychologie, ekstatischer Trance und holotropem Atmen (Grof). Meine Klienten und auch Seminarteilnehmer kann ich nur soweit in Grenzerfahrungen, innere Abgründe und auf Höhenflügen begleiten, wie ich selbst bereit und in der Lage bin, angstfrei mitzugehen.

Sehr wichtige Inspirationen erhalte ich auch aus der fachlichen Kooperation mit erfahrenen Kollegen/innen, z.B. indem ich mit ihnen gemeinsam Seminare leite, sie zu Fachsymposien einlade, einen bestimmten Fall mit ihnen diskutiere. Dies hat mich beispielsweise in den letzten Jahren zur Entwicklung eines methodischen Konzeptes der Integration von systemischer Therapie, Ericksonscher Hypnotherapie und Musiktherapie angeregt.
Auch aus der Kunst und meiner eigenen experimentellen Performance-Tätigkeit entspringen manchmal neue, ver-rückte Impulse für meine Arbeit.
Die schönsten Anregungen erhalte ich aber immer wieder im unvorhersehbaren, kreativen Zusammenspiel mit meinen Klienten oder Seminarteilnehmern.


Wie gehen Sie mit Risiken und Nebenwirkungen Ihrer therapeutischen Arbeit um?
Indem ich mich bemühe, ihnen rechtzeitig und ungeschminkt ins Auge zu schauen, sie auch offen anzusprechen, soweit sie denn für mich erkennbar sind. Ich versuche, ehrlich die Grenzen meiner Fähigkeiten zu benennen und in manchen Fällen Ratsuchende z.B. an kompetentere KollegInnen oder zu geeigneteren Therapieverfahren zu überweisen. Außerdem versuche ich, “Risiken” durch externe Supervision bzw. Intervision im Team der Abteilung für Medizinische Psychologie hier in Heidelberg zu minimieren und immer wieder durch eigene Fortbildung. All dies bewahrt mich natürlich nicht davor, manchmal auch Fehler zu machen oder etwas zu spät zu erkennen.

Eine klassische “Nebenwirkung” der Musiktherapie und der Arbeit mit veränderten Bewußtseinszuständen –ob in Ausbildung oder Behandlung- ist das zu starke Öffnen, Durchlässigwerden von meist schon hochsensiblen Menschen, das die Gefahr noch mehr Leidens nach sich zieht. So lege ich in gleichem Maße Wert auf das Erlernen des Umgangs mit flexiblen Grenzen und schützenden, strukturierenden Ritualen.


Was heißt „Spielen“ für Sie?
Lebendig sein, ungezähmt Impulsen folgen, neu-gierig, wild und zart, laut und leise, ganz schwach und ganz stark, ernsthaft und heiter, tiefgründig und oberflächlich, weiblich und auch männlich, unzensiert üben, verwerfen, wieder neu ausprobieren, mich überraschen lassen, den sicheren Raum des Vertrauten verlassen, Grenzen ausloten, Risiken eingehen, mit allen Sinnen, sinnlich, sinn-erfüllt und sinn-los, ohne Konzepte, ohne Theorien, ganz DA sein.


Wie ist Ihre „private Musik“?
Stille. Die Natur. Meine Familie. Der Gesang. Und die Malerei.